Vom 22.-24. Juni trafen sich zum vierten mal europäische Transhumanisten zur Transvision,- diesmal in Berlin.  Die Transvision ist eine internationale Konferenz zum Thema Transhumanismus, die zum ersten mal vom 5.-7.6.1998 in Weesp (Niederlande) abgehalten wurde. In Stockholm traf man sich vom 4.-6.6.1999 zum zweiten mal. Im vergangenen Jahr fand die Transvision vom 14.-16.7.2000 in London statt. 

Sie finden auf dieser Seite, die für Transhuman.de üblichen Impressionen in Wort und Bild. Gut ein Dutzend nationale wie internationale Journalisten waren dieses mal auf der Konferenz anwesend, wobei ich hier Auszüge aus Carsten Walter's (3Sat/Nano) TV-Beitrag näher ausbreiten möchte,- speziell das Studiointerview mit dem Philosoph und Medientheoretiker Prof. Dr. Norbert Bolz (Universität Essen). 

Wir hatten Hr. Bolz zur Transvision als Redner eingeladen, aber der Termin war bereits anderweitig vergeben. Um so mehr freut es mich das Hr. Bolz die Zeit hatte, eine Woche später am 25.06.2001, für ein Interview in der Wissenschafts-Sendung Nano (tägliche Ausstrahlung auf 3Sat) zur Verfügung zu stehen. Die Transvision2001 war Titelthema der Sendung. Die Moderation hatte Angela Elis. Das Interview kann man weiter unten nachlesen. 

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal speziell Prof. Dr. Klaus Sames (Uniklinik Hamburg-Eppendorf) danken, der auf der Konferenz den Vortrag "Aging by organ structure?" gehalten hat.

Prof. Sames war sichtlich erfreut über die soliden wissenschaftlichen Kenntnisse und doch rationalen Einstellungen der deutschen Transhumanisten und kann sich nun "deutlich mehr mit dem Transhumanismus identifizieren als vorher" !

Prof. Sames ist Herausgeber und Autor des medizinischen Fachbuches "Medizinische Regeneration und Tissue Engineering" und des populärwissenschaftlichen Büchleins "Sterblich durch ein Gesetz der Natur ?".

     

 

So,- nun viel Spass beim Lesen und Surfen:

Offizielle Homepage zur Transvision 2001 in Berlin von De:Trans - Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus e.V.: LINK 

Offizieller Bericht von Christian Weisgerber zur Transvision 2001, erschienen in Telepolis am 10.7.2001. LINK

Homepage zur Nano-Sendung vom 25.06.2001 mit dem Titelthema Transhumanismus und Transvision 2001 in Berlin  LINK

Transhuman.de hat den Nano-Beitrag in die Videoedition 17 aufgenommen LINK

Die Videoedition kann man wie üblich hier bestellen: LINK

 

 

Interview mit Prof. Dr. Norbert Bolz (Universität Essen)

Moderatorin:
Transhumanismus,- ist das eine vielversprechende ernstzunehmende Theorie oder ist es Spinnerei ?
Bolz:
Es ist natürlich Spinnerei,- aber Spinner verändern die Welt. Und deshalb muss man genau zusehen worum es geht. Ich denke das ganze hat einen religiösen Aspekt und hat einen sehr technischen Aspekt. Der religiöse Aspekt besteht sicher darin, dass es um den ältesten Menschheitstraum geht, die Überwindung der Sterblichkeit, und Religionen haben im wesentlichen die Funktion immer gehabt Trost zu spenden dafür, dass das nicht geht.
Und zum zweiten hat es den technischen Aspekt, dass wir es heute mit Technologien zu tun haben, die tatsächlich konkret versprechen: Optimierung des Lebens ! Und das scheint mir in der Tat das große Projekt des 21. Jahrhunderts zu sein, parallel zur Eroberung der virtuellen Welten drückt immer mehr ins Zentrum des Interesses: der Kult des Körpers.
Moderatorin:
Wer ist denn dafür besonders empfänglich und was ist daran angemessen und wo werden die Grenzen überschritten.
Bolz:
Empfänglich dafür sind natürlich alle diejenigen, die ohnehin einen Religionsersatz suchen.
Und das ist eine Art High-Techreligionsersatz und zum anderen natürlich alle technikbegeisterten Jugendlichen. Ich glaube auch das es Faszination für all' die bereit hält, die konkrete körperliche Leiden haben und mit einigem Recht sich auch von diesen neuen technologischen Entwicklungen, Heilungen, Hilfe, Linderung versprechen. Und das ist auch der reale Kern, den es festzuhalten gilt. Die Grenzen werden natürlich da erreicht, wo.....und das sind gesellschaftliche, nicht solche die ich aus ethischen Überlegungen anstellen würde, ...die Grenzen sind da erreicht, wo die Gesellschaft in ihrer ethischer Selbstverständigung sagt "hier geht's nicht weiter"..also wir wollen nicht Posthuman sein, sondern wir brauchen ein Kern von Humanität, den wir nicht antasten wollen.......also wo es um die Gesellschaft geht...
Moderatorin:
Was wäre das für Sie ?
Bolz:
Ja im Grunde ist das eine Frage die sich nur empirisch beantworten läßt,- also in der Diskussion unserer Gesellschaft selbst. Wie weit akzeptieren wir das Vorantreiben der Mensch-Maschine-Synergien ? Denn darum geht es ja hier ! Menschen und Maschine, Cyborg ist das Stichwort gewesen, treten immer mehr in synergetischer Verhältnisse und es gibt da ein paar Utopien die uns absurd erscheinen, wie die des Downloaden des menschlichen Gehirns. Aber es ist vollkommen klar: Wir arbeiten ja schon längst konkret in den medizinischen Wirklichkeiten mit Ansätzen dieser Mensch-Maschine-Synergie !
Und die Gesellschaft muss in einem langen Diskussionsprozeß selbst darüber entscheiden, wie weit sie bereit ist ihr klassisches humanistisches Bild vom Menschen zu revidieren !
Moderatorin:
Und wie findet man sich da zurecht ? Weil an die Fortschritte der Medizin glauben wir ja alle und hoffen vor allem darauf. Das ist doch was gutes !


Bolz:
Richtig ! Absolut ! Ich bin auch keineswegs skeptisch und ethisch kritisch eingestellt gegenüber dieser Entwicklung. Ich halte sie nur für spinnert also in ihrem Auftreten in ihrer utopistischen, futuristischen Selbstverständlichkeit...aber der technische Kern,- der sachliche Kern,- der ist sehr sehr ernst zu nehmen, aber wie gesagt, kein Weg, kein Experte und kein Gutachten führt an der Notwendigkeit vorbei, die Gesellschaft ihre Erfahrungen mit diesen Möglichkeiten machen zu lassen.
Moderatorin:
Sie sagten eben, sie sehen das ethisch nicht kritisch,....
Bolz:
Nein
Moderatorin:
...das wundert mich etwas, weil letzten Endes implizieren diese Ideen ja auch immer eine Vorstellung vom Übermenschen, also der Mensch wird optimiert, er wird immer besser und das ist doch eigentlich schon problematisch.
Bolz:
Das ist nur solange problematisch, solange wir noch ein einigermaßen intaktes religiöses Menschenbild oder humanistisches Menschenbild unterstellen können, aber das wird ernsthaft nur noch in Sonntagsreden verteidigt, bzw. verzweifelt jetzt als eine Art Kontrastfolie etwa in der Gentechnologiedebatte beschworen. Die Verzweifelung dieser Beschwörung zeigt ja aber nur, das es eigentlich nicht mehr trägt. Wir können nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, das wir im christlichen Wertekanon alle existieren, Christentum ist mehr oder minder eine von vielen möglichen religiösen Bindungen geworden, andere sehen das anders und die Freiheit unserer modernen Gesellschaft bedeutet vor allen Dingen auch Freiheit von der Zumutung einer religiösen Vorstellung von richtigem Leben folgen zu müssen. Und diese Freiheit nehmen sich diese Leute,- und insofern ist das ernst zu nehmen.
Moderatorin:
Vielen Dank für das Gespräch
Bolz:
Gern !
Moderatorin:
Ob und wie die Transhumanisten unser Leben verändern werden, das wird die Zukunft zeigen.

Weitere Impressionen

Wie immer auf Konferenzen, sind nicht die Vorträge das Wesentliche, sondern das Knüpfen von Kontakten und das Diskutieren während der Pausen, dem Lunch, dem Dinner oder während dem Ausklang des Tages: am Abend in Bars & Cafés !

 

weitere Bilder, Links und Details folgen noch.....

Zum Abschluss mal ein Bild von mir (Vom "Dinner träumend" :-) )

Transhumanismus

Ó Sven Haferkamp 04.08.2001  webmaster@extropie.de       [Home]